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Inventur per Smartphone: vom Barcode zur gebuchten Differenz

Usable4 Min. Lesezeit

Mit der Kamera eines Smartphones lässt sich ein Barcode schnell erfassen. Eine vollständige Inventur entsteht daraus aber erst, wenn Zählbereiche verteilt, Zwischenstände gesichert, Abweichungen geprüft und die Ergebnisse kontrolliert in den Bestand übernommen werden.

Der wichtigste Unterschied lautet: Scannen ist eine Eingabemethode. Inventur ist ein Prozess.

Usable und das Inventurmodul sind noch in Entwicklung. Dieser Beitrag zeigt den geplanten Ablauf und die Fragen, die wir vor einem Pilotbetrieb klären.

AblaufScannen ist eine Eingabemethode, Inventur ist ein Ablauf
  1. 01

    Soll festhalten

    Buchbestand je Artikel und Lagerort einfrieren — sonst vergleichst du später zwei Zeitpunkte.

  2. 02

    Bereiche verteilen

    Regal, Raum, Filiale, Retouren. Jeder Bereich hat Status und zuständige Person.

  3. 03

    Zählen

    Barcode scannen, Menge bestätigen. Unbekannte Codes in die Klärungsliste, nicht ins Nichts.

  4. 04

    Zusammenführen

    Offline gezählt, später übertragen — mit Herkunft je Eintrag: Bereich, Gerät, Zeitpunkt.

  5. 05

    Abweichungen klären

    Nach Wert sortiert, nicht alphabetisch. Bestätigen, nachzählen oder offenlassen.

  6. 06

    Buchen

    Bestätigte Differenzen als eigene Korrekturbuchung. Der alte Wert wird nicht überschrieben.

Der Aufwand steckt in Schritt 5. Wer nur bis Schritt 3 denkt, hat schnell gezählt und weiß trotzdem nicht, ob das Ergebnis stimmt.

Vor dem ersten Scan: den Soll-Bestand festhalten

Zum Start einer Inventur wird der aktuelle Buchbestand je Artikel und Lagerort als Soll-Stand festgehalten. Dieser Stand darf sich während der Zählung nicht unbemerkt verändern. Andernfalls wird später eine gezählte Menge mit einem Soll-Wert verglichen, der aus einem anderen Zeitpunkt stammt.

Für kleine Läden kann dafür ein klarer Stichtag mit ruhendem Warenverkehr reichen. In Betrieben, die weiter ausliefern oder verkaufen müssen, braucht es definierte Buchungsgrenzen und eine nachvollziehbare Behandlung der Bewegungen während der Zählung.

Eine Inventur sollte außerdem in überschaubare Zählbereiche gegliedert sein, beispielsweise:

  • Verkaufsfläche nach Regal oder Warengruppe
  • Lager nach Raum und Lagerplatz
  • Außenlager oder Filiale
  • Retouren, beschädigte Ware und ungeklärte Bestände

Jeder Bereich erhält einen Status und eine verantwortliche Person. So sieht die Leitung, was noch nicht begonnen, in Arbeit, fertig oder zur Prüfung zurückgegeben ist.

Scannen, erkennen, zählen

Beim Zählen liest die Smartphone-Kamera den Barcode. Das System sucht den zugehörigen Artikel und zeigt Bezeichnung, Variante und gegebenenfalls ein Bild. Die zählende Person bestätigt die Menge oder erhöht sie direkt mit jedem Scan.

Dabei müssen auch die Fälle funktionieren, die am Schreibtisch leicht übersehen werden:

  • Ein Artikel besitzt mehrere Barcodes oder Packgrößen.
  • Ein Barcode ist beschädigt und muss manuell gesucht werden.
  • Ein Artikel steht am falschen Lagerplatz.
  • Ware ist vorhanden, aber noch nicht im Artikelstamm angelegt.
  • Angebrochene Mengen müssen mit einer eigenen Einheit erfasst werden.

Ein unbekannter Barcode darf nicht einfach verschwinden. Er gehört in eine Klärungsliste mit Fundort, Foto und der gezählten Menge.

Die Sonderfälle sind kein Randthema — an ihnen entscheidet sich, ob eine Inventur vollständig wird:

Fall Falsche Reaktion Richtige Reaktion
Mehrere Barcodes je Artikel Zweiter Code wird als neuer Artikel angelegt Alle Codes zeigen auf denselben Artikel
Beschädigter Code Menge wird auf einen ähnlichen Artikel gebucht Manuelle Suche über Bezeichnung, dokumentiert
Ware ohne Stammsatz Wird übersprungen Klärungsliste mit Foto und Fundort
Artikel am falschen Platz Am gefundenen Platz gezählt und vergessen Gezählt und als Umlagerung vermerkt
Angebrochene Menge Auf ganze Einheiten gerundet Eigene Einheit, damit die Differenz stimmt
Zweimal gezählt Menge addiert sich still Dublette erkannt über Bereich, Gerät und Zeitpunkt

Offline zählen und später zusammenführen

Gerade im Lager ist stabiles WLAN keine sichere Voraussetzung. Deshalb muss ein Zählbereich vorab auf das Gerät geladen werden können. Während der Inventur werden Scans lokal gespeichert und bei Verbindung synchronisiert.

Wenn mehrere Personen parallel zählen, braucht jeder Eintrag eine eindeutige Herkunft: Inventur, Zählbereich, Gerät beziehungsweise Nutzer und Zeitpunkt. Erst dadurch kann das System Dubletten und Konflikte erkennen.

Die Oberfläche muss den Synchronisationsstand offen zeigen. „Auf dem Gerät gespeichert“ und „im zentralen Stand angekommen“ sind zwei verschiedene Zustände.

Abweichungen sind der eigentliche Arbeitsbereich

Nach dem Zählen werden Soll und Ist verglichen. Eine lange Liste ohne Priorisierung hilft dabei wenig. Sinnvoll ist eine Arbeitsliste, die hohe Wertabweichungen, ungewöhnliche Mengen und ungeklärte Artikel zuerst zeigt.

Für jede relevante Differenz gibt es anschließend drei Möglichkeiten:

  1. Zählung bestätigen und einen Grund dokumentieren.
  2. Eine Nachzählung durch eine andere Person anfordern.
  3. Den Artikel oder Lagerplatz zunächst zur Klärung offenlassen.

Erst wenn die Abweichungen bearbeitet sind, wird die Inventur abgeschlossen. Die bestätigten Differenzen werden dann als eigene Korrekturbuchungen in den Warenbestand übernommen. Der alte Wert wird nicht überschrieben; die Veränderung bleibt als Buchung nachvollziehbar.

Warum die Differenz eine Buchung ist und keine Korrektur

Ein Detail, das über die Prüfbarkeit entscheidet: Der Bestand wird nicht auf den gezählten Wert gesetzt, sondern um die Differenz bewegt — als eigene Buchung, mit Grund, Person und Zeitpunkt.

Der Unterschied wirkt akademisch und ist es nicht. Ein überschriebener Wert beantwortet nur die Frage „wie viel liegt da". Eine Buchung beantwortet zusätzlich „warum steht es jetzt so" — und genau diese zweite Frage stellt jede Prüfung. Dasselbe Prinzip trägt auch anderswo: bei Arbeitszeiten und bei Prüfprotokollen ist die nachvollziehbare Änderung der eigentliche Nachweis, nicht der aktuelle Stand.

Was eine gute mobile Inventur sichtbar macht

Die Leitung sollte während der Zählung keine einzelnen Listen einsammeln müssen. Eine Übersicht beantwortet laufend:

  • Wie viele Zählbereiche sind abgeschlossen?
  • Welche Bereiche wurden noch nicht synchronisiert?
  • Wo gibt es offene Nachzählungen?
  • Welche Differenzen haben den größten Wert?
  • Wer hat einen Bereich zuletzt bearbeitet?

Das ist der eigentliche Gewinn gegenüber Papier oder einer gemeinsam bearbeiteten Tabelle: nicht nur schneller zählen, sondern jederzeit wissen, ob das Ergebnis vollständig und prüfbar ist.

Klein anfangen

Für einen Pilotbetrieb muss nicht sofort das gesamte Lager umgestellt werden. Ein klar abgegrenzter Bereich mit echten Artikeln reicht, um Barcodequalität, Packgrößen, Offline-Verhalten und Nachzählung zu prüfen.

Erst wenn dieser Ablauf funktioniert, lohnt sich die Verbindung mit Wareneingang, Bestellwesen und mehreren Filialen. So wird aus einer Inventur-App schrittweise eine gemeinsame Bestandsführung — ohne den ersten Test unnötig groß zu machen.